Interview mit einem Transmann
Finnley ist 27 Jahre alt und trans.
Transgender bezeichnet Menschen, die sich gar nicht
oder nur teilweise mit dem Geschlecht identifizieren können,
welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
Finnley ist ein Transmann. Das bedeutet, dass er heute als Mann lebt und liebt.
Wir durften ihn dazu einige Fragen stellen:
In welchem Alter hast du gemerkt, dass du Trans bist?
Gemerkt, dass etwas anders ist, habe ich schon sehr früh. -Etwa ab Grundschulalter. Dort konnte ich allerdings noch nicht benennen, was mit mir los ist. Wirklich gewusst, dass ich trans bin, habe ich mit 12, als ich das erste mal zufällig online auf einen Bericht zu dem Thema gestoßen bin und mich daraufhin weiter informiert habe.
Wie würdest du das Gefühl von Geschlechtsdysphorie* beschreiben?
Schwieriges Thema für mich, da ich meine eigenen Gefühle meist nicht sehr gut benennen kann. Ich würde es für mich am ehesten so beschreiben, als wäre man gezwungen, 24 Stunden, 7 Tage die Woche ein Kostüm zu tragen, das man überhaupt nicht leiden kann. Eins, das man nicht ausziehen kann. Dabei sehen alle anderen nur das Kostüm und nicht den Menschen dahinter.
Wie sah dein Weg zu dir selbst aus?
Nachdem ich mit 12 Jahren herausgefunden hatte, was mit mir los ist, habe ich sehr lange gebraucht und verschiedenen Phasen durchgemacht: Ignorieren, Selbstverleugnung und mich bewusst "typisch weiblich" verhalten. Bis ich schließlich selber so weit war, mich anderen zu öffnen. Geoutet habe ich mich dann mit 18 Jahren. Erst vor den engsten Freunden und Familie, dann auch im weiteren Umfeld.
Ich hatte das Glück, dass der Großteil meines sozialen Umfeldes positiv reagiert hat und mich von Anfang an unterstützt hat. Trotzdem hat ein Teil meiner Familie Jahre gebraucht, in denen ich zwischenzeitlich sogar den Kontakt abgebrochen habe, bis sie mich akzeptieren konnten, wie ich bin.
Ich habe recht schnell nach meinem Outing Anschluss bei einer Jugendgruppe für Transmenschen im "AndersRaum" in Hannover gefunden, was mir vor allem am Anfang enorm geholfen hat.
Ich habe kurz danach eine Therapie begonnen, durch die ich dann mit 19, etwa ein Jahr später, die Hormontherapie beginnen konnte.
Da es mir schon vor dem Outing psychisch nicht gut ging und ich mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen hatte, durch die ich schon meine Ausbildung verloren hatte, war mein weiterer Weg leider alles andere als leicht.
Die Hormontherapie konnte mir der Psychiater nach erfolgter sicherer Diagnose einfach verschreiben. Bei den Anträgen für die Operationen sah es jedoch ganz anders aus. Es folgte ein Papierkrieg, der sich über viele Monate hinweg zog. Angeblich fehlten immer irgendeine Unterlage oder es wären nicht genügend Nachweise da. Zwischenzeitlich war ich durch meine sowieso schon angekratzte Psyche so fertig, dass ich aufgegeben habe. Erst nach jahrelanger Therapie und als ich mein Leben wieder in den Griff bekommen hatte, habe ich mich erneut getraut, mich dem Papierkrieg zu stellen und habe es dann endlich geschafft, die Kostenzusage für die Operationen zu bekommen. Die erste OP hatte ich dann im Juni 2025. Genau einen Tag vor meinem 27. Geburtstag!
Es werden noch weitere OPs folgen und es ist wahrscheinlich noch ein langer Weg, bis ich hoffentlich irgendwann sagen kann, dass ich mich wohl mit meinem Körper fühle. Aber ich stehe mittlerweile zu mir und meiner Geschichte, kann offen darüber kommunizieren und mache mir nichts mehr daraus, wenn jemand mal einen blöden Kommentar abgibt.
Was wünscht du dir von der Gesellschaft?
Vor allem natürlich mehr Toleranz. Mir ist es egal, ob die Menschen mich leiden können oder was sie von meinem Lebensweg halten. Aber ich schreibe ja auch niemandem vor, wie oder mit wem er oder sie zu leben hat und das erwarte ich im Gegenzug auch von anderen.
Momentan wird es gefühlt von Tag zu Tag schlimmer, was die Hetze gegen queere Menschen, sowie auch Menschen mit Migrationshintergrund angeht. Ich verstehe es wirklich nicht. Niemand erwartet, dass jeder jeden Menschen mag oder dessen Lebensweg. Aber dann geht halt einfach weiter, denkt euch euren Teil und lasst die Menschen ihr Leben leben.
Und im speziellen, was Transmenschen angeht: Dass die Leute aufhören einen Schwachsinn zu erzählen von wegen, Trans sein wäre ja nur so eine "Modediagnose" oder machen sowas, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Niemand sucht es sich aus, trans zu sein. Diesen Stress und die Demütigungen oder sogar Gewalt, die viele von uns erfahren müssen, tut sich sicherlich niemand freiwillig an, wenn es nicht sein muss.
Begriffserklärungen
Geschlechtsdysphorie
Geschlechtsdysphorie beschreibt das tiefe Unbehagen oder Leiden, das aus einer Diskrepanz zwischen der eigenen Geschlechtsidentität und dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entsteht. Sie ist keine Krankheit, sondern ein Zustand, der oft durch soziale Faktoren oder körperliche Merkmale verursacht wird und durch Übergänge (Transition) gelindert werden kann.