Ein Leben mit Agoraphobie

 
Agoraphobie wird oft als „die Angst vor der Angst“ beschrieben. Betroffene fürchten weniger einen Ort oder eine Sache selbst, sondern mehr die Möglichkeit, dort eine Panikattacke oder starke Angst zu erleben und keine Hilfe oder Fluchtmöglichkeit zu haben. Deshalb meiden Betroffene viele Situationen, wie Menschenmengen, öffentliche Plätze oder öffentliche Verkehrsmittel, was ihr Leben maßgeblich einschränkt.  

Wir durften mit einer betroffenen Person über ihre Agoraphobie sprechen und wie das ihren Alltag bestimmt: 

Welche Situationen sind für dich besonders herausfordernd?

Es sind weniger alltägliche Situationen, die die Agoraphobie triggern, sondern eher unplanmäßige Ereignisse. Oft sind es Situationen, in denen man bereits eine schlechte Erfahrung gemacht hat oder in denen man keinen Ausweg oder Fluchtmöglichkeit hat, wenn etwas passieren sollte.

[Ein Beispiel:  Stell dir vor, du steigst in eine volle S-Bahn. Kurz nachdem die Türen schließen, setzt plötzlich starke Angst ein: Dein Herz rast, dir wird schwindelig und du hast das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Obwohl objektiv keine Gefahr besteht, bist du überzeugt, nicht einfach aussteigen oder schnell Hilfe bekommen zu können. Aus Angst, dass das wieder passiert, meidest du künftig S-Bahnen – und vielleicht später auch Busse, Einkaufszentren oder andere Orte, an denen du dich „nicht entkommen“ fühlst.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du in eine Situation kommst, die Angst auslöst?

Zuerst gehe ich Sicherheitsgedanken durch. Bei mir persönlich ist das die Erreichbarkeit von Vertrauenspersonen (Freunde, Familie, usw.). - Wer könnte für mich da sein?
Erst in zweiter Linie denke ich an Bewältigungsstrategien, so zum Beispiel Atemübungen. Da lege ich den Fokus komplett auf meine Atmung, langsam durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. 

Wie fühlt sich eine solche Situation körperlich an?

Es ist sehr belastend. Oft beginnt es mit einem kalten Ziehen im Nacken, dann weiß ich schon, dass es gleich richtig losgeht. Wenn dann die Panikattacke kommt, bin ich komplett weggetreten und kämpfe gegen Schwindel. Wirklich ansehen kann man es mir, denke ich, nicht. 

Was wünscht du dir als Betroffener in solchen Momenten von deinem Umfeld?

Bei mir ist es stilles Gesehenwerden. - Ich wünsche mir, dass Leute wissen, dass es mir gerade nicht gut geht, aber nicht überreagieren und Panik machen. Zum Beispiel "Oh Gott was kann ich tun?! Alles ist okay! Mach mal das und das! Etc." sind nicht hilfreich, sondern verschlimmern die Situation noch. Mir hilft es, einfach zu wissen, dass jemand da ist und ein Auge auf mich mit hat. 

Was hat dir auf deinem Weg am meisten geholfen?

Mich mit Situationen zu konfrontieren, die mir Angst machen.So zum Beispiel verreisen, Zug fahren oder Ähnliches. Therapie hat mir neben der Konfrontationstherapie auch einige Bewältigungsstrategien gelehrt, die mir sehr helfen. Nummer 1 ist dabei die Atmung! Ganz viel lässt sich bei mir über Atmung regeln und Meditation. Also einfach eine geführte angstlösende Meditation über Spotify oder YouTube anmachen, ruhig hinlegen und dann geht's mir schnell besser. Allgemein einfach die Ruhe bewahren und nicht versuchen, in Panik zu verfallen. 
Nicht zu vergessen sind aber auch meine Freunde, die mich immer unterstützen! 

Was können Angehörige und Freunde tun, um zu unterstützen?

Unterstützen durch zuhören und einfach da sein. Achtsamkeit und Rücksicht sind schon viel wert. Am besten einfach die betroffene Person im "Normalzustand" fragen, was sie selber in solch einer Situation braucht, da das sehr individuell ist. 

Was wünscht du dir im Umgang mit psychischen Erkrankungen allgemein? 

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit psychischen Erkrankungen. -Zu enttabuisieren. Und einen einfacheren Zugang zu Unterstützungsangeboten. 

Hat dich die Erkrankung in irgendeiner Weise verändert?

Sie hat alles verändert. Mein gesamtes Leben ist eingeschränkt, weil man immer auf der Lauer vor der Angst ist und immer probiert, sich selbst und seine Umwelt unter Kontrolle zu haben.

Worauf bist du besonders stolz im Hinblick auf die Agoraphobie?

Auf jeden Meilenstein, den ich erreiche. Jeder Angst, der ich mich stelle und überwinde! 

Was möchtest du Menschen mitgeben, die dieses Interview lesen?

Geht offen mit euren Erkrankungen um und ihr werdet feststtellen, dass es leider mehr Menschen gibt, die auch erkrankt sind und mit denen man sich darüber austauschen kann. Man ist nicht allein und es ist niemals zu spät, Therapie anzufangen.